Interviews

Das Projekt "Escape to Freedom" bot für alle Beteiligten jede Menge Lernstoff.

Die Zusammenarbeit von Jugendlichen mit Akteuren aus Kunst, Wissenschaft und Spieleforschung gestaltete sich als offener Lernprozess. Das Museum wurde zum Ort des Anders-Sehen-Lernens.

Interview mit Willy Dumaz zu der Ausstellung Escape to Freedom

Ein ganz schön dicker Brocken

Willy Dumaz ist Spiel- und Lerndesigner beim Büro für Sinn und Unsinn in Halle. Er hat die Mitarbeiter des Kindermuseum bei der Konzeption der Ausstellung Escape to Freedom unterstützt und gemeinsam mit den jugendlichen Kurator*innen die Escape Rooms entwickelt. Hier erzählt er von seiner Arbeit mit den Jugendlichen.

Habt ihr schon mal einen Escape Room entwickelt? Oder warum hat euch das Projekt interessiert?
Bei Escape to freedom geht es ja nicht um irgendwelche Escape Rooms mit einer weiteren Abenteuergeschichte. Im Gegenteil, es ist ein sehr ehrgeiziges Vorhaben: Eigentlich geht es um das Thema Freiheit, das ja philosophisch und gesellschaftlich sehr breit und tief ist.

Dieses komplexe Thema soll künstlerisch und partizipativ aufgegriffen werden. Das ist ein ganz schön dicker Brocken. Und genau deshalb hatten wir Lust, bei der Ausstellung mitzuarbeiten. Vor allem auch, die Escape Rooms gemeinsam mit Jugendlichen zu entwickeln. Und so herauszufinden, was sie eigentlich unter Freiheit verstehen. Ob sie diese Freiheit als garantiert sehen. Oder ob sie manchmal auch die Zerbrechlichkeit von Freiheit spüren.

Ihr habt also keine Escape Rooms für Schüler*innen entwickelt, sondern mit ihnen zusammen?
Genau, vor einigen Monaten kam das Alice – Museum für Kinder mit der Idee zu uns, ein Escape Room-Angebot zu entwickeln. Gemeinsam sind wir dann auf die Idee gekommen, dass wir das nicht nur für junge Menschen machen, sondern auch mit jungen Menschen.

Wie seid ihr dann vorgegangen?
Wir haben das Projekt gemeinsam mit dem Kindermuseum konzipiert, d.h. wir haben eine Szenografie und einen Spielablauf entworfen. Und dafür ein Workshopformat entwickelt, damit Jugendliche ihre eigenen Escape Rooms entwerfen und bauen können.

Wir haben dann eine Art Toolkit entwickelt, bestehend aus einem architektonischen Grundgerüst, so etwas wie leeren Räumen und Handwerkszeug wie verschiedene Schlösser, UV-Lampen, rätselhafte Gegenstände, die man benutzen kann, um Nachrichten zu entschlüsseln, Seile, Bastelsachen und so etwas.

Haben sich die Jugendlichen auf das Thema eingelassen und sich wirklich mit Freiheit beschäftigt?
Als erstes muss ich sagen, ich hatte noch nie so motivierte Jugendliche in einem Workshop. Das war wirklich der Wahnsinn. Das hat mir richtig Spaß gemacht, weil die so Bock hatten. Ich musste sie richtig zwingen, Mittagspause zu machen. Mal nicht weiter zu basteln. Mal was zu essen. Mal die Heißklebepistole beiseite zu legen. Das war wirklich toll.

Natürlich gab es Jugendliche bei denen der Spaß im Vordergrund stand: Mal selber etwas zu bauen, was dann auch später wirklich von professionellen Ausstellungsbauunternehmen umgesetzt wird. Andere haben aber auch angefangen darüber nachzudenken, was diese Themen eigentlich für sie bedeuten, wie sie sie bewerten. Zum Beispiel gibt es einen Escape Room bei dem man einen Chip eingepflanzt bekommen soll. Darüber gab es lebhafte Diskussionen: Ob es gut ist, sich mit Technik zu optimieren. Oder ob es Gefahren mit sich bringt.

Ich habe immer versucht, in den Workshops eine Ambivalenz zu hinzukriegen. Wenn die Jugendlichen ausschließlich die negative Seite eines Aspekts gesehen haben, hab ich versucht, auch die postive zu betonen und andersherum. Ich wollte polarisieren und so eine Diskussion entfachen. Das hat gut funktioniert.

Ihr habt also in den Workshops gemeinsam mit den Jugendlichen die Storys für verschiedene Escape Rooms entwickelt und diese auch gebaut. War die Diskussion um Freiheit ein fester Bestandteil dieser Workshops?
Ja. Jedes Workshopteam hatte einen anderen Raum und ein anderes Freiheitsthema. Beim Escape-Room “Kraftwerk” geht es um Fake-News und Pressefreiheit. In der “Villa” wird die Freiheit von Tieren thematisiert. Um Manipulation und Willensfreiheit geht es im “Krankenhaus”. In der “Factory” wird das Spannungsfeld zwischen Arbeit und Freiheit beleuchtet und im “Zauberhaus” geht es um Selbstbestimmung.

Zu welchen Ergebnissen kamen die Jugendlichen bei den Diskussionen?
Die Jugendlichen hatten oft so viele Ideen, dass es schwer war, sie alle unter einen Hut zu bringen. Auch bei Science Fiction, Klonen, Selbstoptimierung und ewiges Leben geht es ja um Freiheit.

Unerwartet war vielleicht auch: Die Jugendlichen haben die gesellschaftliche Debatte um Fridays for Future aufgegriffen. Weil es da auch um Freiheit geht: Die Freiheit der Erwachsenen, also der jetzigen und vorherigen Generationen, beschneidet ja quasi die Freiheiten der zukünftigen Generationen. Das fand ich toll! Dass die Jugendlichen aktuelle Ereignisse aufgegriffen haben und diese dann auch in die Entwicklung der Escape Rooms eingeflossen sind.

Warum findest du es wichtig, dass sich die Jugendlichen mit dem Thema Freiheit auseinandersetzen?
Freiheit ist ein sehr aktuelles Thema, weil es Freiheit bedrohende Trends gibt und die Jugendlichen, das möglicherweise nicht so auf dem Schirm haben. Wer hätte gedacht, dass autoritäre Tendenzen nach dem zweiten Weltkrieg noch mal solchen Aufwind bekommen können? Es ist deshalb wichtig, dass die Jugendlichen darüber nachdenken, ob sie das wirklich mittragen wollen oder ob sie sich dem entgegen stellen.

Wie kann ein Projekt wie Escape to Freedom eine Auseinandersetzung mit dem Thema Freiheit fördern?
Ich denke, dass die Schüler*innen das Thema durch ihre Arbeit viel tiefer durchdrungen haben, als wenn sie es nur im Unterricht behandelt hätten. Sie haben ja selber eine große Freiheit ermöglicht bekommt - die Freiheit, ein großes Museumsangebot selbst zu bearbeiten und ein Thema frei zu interpretieren.

Auch später tauchen ja die spielenden Personen in die Geschichten ein, die die Jugendlichen mitgeprägt haben. Und wenn man eine Geschichte nicht nur erzählt bekommt, sondern selbst mit ihr interagiert, bestimmte Entscheidungen treffen kann und die Konsequenzen erlebt, lernt man ganz anders. Es ist ein tieferes Lernen.

Wenn du dir eure Ergebnisse anschaust, was denkst du dann?
Ich bin richtig stolz auf das Projekt. Ich finde, es ist echt toll geworden. Und bin gespannt, wie es sein wird, Besuchern beim Spielen zuzusehen. Wir haben ja die Papp-Prototypen schon mit einigen Leuten getestet. Das war sehr aufregend. Danach haben wir noch mal mit dem Jugendlichen zusammen überlegt, wie wir die Spiele noch perfekter machen können. Aber man kann nicht alle Entscheidungen und Spielstile voraussehen, weil die Spieler ja frei sind.

Was gefällt dir am besten?
Was mir abgesehen von den Geschichten richtig gut gefällt, sind die Papp-Prototypen, die die Jugendlichen hergestellt haben. Die haben wir auch ausgestellt. Natürlich sind sie nicht so lange haltbar und glatt geschliffen, wie die letztendlichen Holzbauten. Aber sie sind so richtig toll charmant und haben Ecken und Kanten. Es macht wirklich Spaß sie anzugucken, weil man sieht, dass die direkt aus dem Herzen in den Entwurf gegangen sind.

Als letzte Frage würden wir gern noch wissen, was Freiheit für dich bedeutet?   
Für mich bedeutet Freiheit, dass ich so sein kann, wie ich bin.

Interview mit Claudia Lorenz, Leiterin des Alice – Museum für Kinder im FEZ

Weil Freiheit eben nicht selbstverständlich ist

Claudia Lorenz entwickelt gemeinsam mit Ihrem Team die interaktiven Ausstellungen des Kindermuseums. Im Fokus stehen immer Fragen der Gegenwart, also aktuelle gesellschaftliche Themen, die unser Leben prägen, uns beschäftigen wie z.B. Themen wie Tod, Geld, Verbraucherschutz oder Globalisierung. Es sind Themen, bei denen es oft von außen erst einmal heißt: “Zu schwierig für Kinder”.

Claudia Lorenz findet es wichtig, sich mit Freiheit zu beschäftigen, weil: sie oft das Gefühl hat, dass eigentlich selbstverständliche demokratische Werte in unserer heutigen Zeit verloren gehen.
Freiheit bedeutet für sie: sich zu trauen und den Mut zu finden, eigene Entscheidungen zu treffen.

Claudia, wie du erzählt hast, habt ihr euch auf gesellschaftliche Themen spezialisiert, die gerade brisant sind. Was ist an dem Thema Freiheit brisant? Das Thema hat uns schon länger interessiert. Gerade in unserer heutigen Zeit, in der man manchmal das Gefühl hat, dass eigentlich selbstverständliche demokratische Werte am Kippen sind. Freiheit ist nicht für alle Menschen selbstverständlich. Deshalb wollten wir uns mit dem Thema auseinandersetzen und Freiheit mal unter die Lupe nehmen. Wir wollten versuchen, diesen scheinbar abstrakten Begriff anschaulich und lebendig zu machen. Irgendwie mit den Geschichten der heutigen Jugendlichen zu verknüpfen.

Habt ihr euch da schon im Vorhinein auf bestimmte Aspekte der Freiheit konzentriert?
Es war ein sehr langwieriger Prozess mit sehr vielen Ausgangsideen. Vom Thema Berufe und unterschiedliche Lebensentwürfe mit der Frage: Wie viel Freiheit brauche ich? Hin zu dem Thema Entscheiden. In unserer Welt der vielen, vielen Optionen gibt es so viele Möglichkeiten. Gleichzeitig ist es aber auch viel schwieriger geworden, Entscheidungen zu treffen, die zu einem passen.

Wir haben lange überlegt, welche Geschichte finden wir dafür? Welche Erzählung in der Ausstellung? Welches Bühnenbild? Wir sind dann über ganz, ganz viele Ideen - zum Beispiel einen Freiheitsplaneten, eine verrückte Stadt mit Berufen, eine Freiheitsmanufaktur – schließlich durch das Gespräch mit einer Schülerpraktikantin auf die Idee der Escape Rooms gekommen.

Was hat euch an der Idee der Escape Rooms überzeugt?
Unsere Schülerpraktikantin hat uns erzählt, dass sie mal mit ihrer Klasse in einem Esacpe Room war. Nicht in einem kommerziellen – da ging es um Mathematik und Geschichte. Sie fand es spannend, anhand der Rätsel und Aufgaben historische Ereignisse zu erklären und mathematische Aufgaben auszuknobeln.

Da dachten wir, das passt einfach gut auch zum Thema Freiheit. Auch sinnbildlich - Türen zur Freiheit zu öffnen. Wir waren uns einig, das ist genau die Idee, die wir gesucht haben. Aktuelle Freiheitsthemen in die Räume zu bringen damit man aktiv werden kann. Die Besucher sollten Teil der Ausstellung werden.

Dann beschäftigen sich die Besucher also über die Rätsel und die Geschichten der Räume mit dem Thema Freiheit?
Genau, die Besucher werden zu Mitspielern und Mitspielerinnen. Die ganze Ausstellung ist eigentlich wie ein großes Ausstellungsspiel angelegt. Wir vermitteln also weniger die Fakten, sondern die Besucher werden spielerisch in Beziehung zu der Ausstellung und dem Thema gesetzt.

Warum habt ihr die Escape Rooms zusammen mit den Jugendlichen entwickelt?
Nach dem Gespräch mit der Schülerpraktikantin hat sich die Idee herauskristallisiert, Kinder und Jugendliche zu fragen. Auch wenn das sehr aufwendig war und schwieriger, als wenn wir selbst die Ideen entwickelt hätten. Aber wir dachten, dass wir viel authentischere Geschichten bekommen, wenn wir die Jugendlichen schon im Vorfeld miteinbeziehen.

Wie haben die Jugendlichen die Escape Rooms entwickelt? Was habt ihr ihnen vorgegeben?
Zuerst stand tatsächlich die Frage: Wie viel Freiheit geben wir den Kindern und Jugendlichen überhaupt? Starten wir bei null? Wir haben dann aber gemerkt, dass das nicht unseren Vorstellungen von Partizipation entspricht und dass es real auch nicht umsetzbar ist.

Es ist nämlich viel interessanter, wenn wir Rahmenbedingungen schaffen: Räume, die schon zum Mitmachen und Mitdenken auffordern und einen attraktiven Spiel- und Lernort vorgeben. Eine Workshopumgebung also, die interessant ist und einlädt zum Forschen, Experimentieren und Diskutieren.

Das haben wir dann auch gemacht. Es gab eine Art Escape Room-Baukasten-Landschaft mit leeren Räumen, die dann zu den echten Escape Rooms werden sollten. Wir haben die Jugendlichen eingeladen an Projekttagen und Projektwochen hier zu uns zu kommen und gemeinsam mit ausgewählten Künstlerinnen und Künstlern zu arbeiten. Das konkrete Machen war uns wichtig. Die Jugendlichen sollten hier nicht nur Ideen entwickeln, sondern auch bauen und arbeiten.

Wir hatten uns für jeden Raum eine Ausgangsrahmenhandlung ausgedacht – also eine ganz grobe Story. Die war aber noch so offen formuliert, dass die Jugendlichen die Möglichkeiten hatten, sie weiterzuspinnen und querzudenken. Dazu dann auch die Rätsel zu entwickeln und die Spiele. Und zum Schluss dann auch zu bauen – die Möbel, die Requisiten, das Licht, also alles, was dazu gehört.

Haben sich die Schüler*innen an den Projekttagen auch mit dem Thema Freiheit an für sich beschäftigt?
Manche Jugendlichen hatten sich schon in der Schule mit dem Thema auseinandergesetzt. Andere noch nicht. Wir haben uns hier deshalb auch immer die Zeit genommen, mit den Kindern und Jugendlichen sprechen. Was ist Freiheit für sie? Was bedeutet Freiheit für jeden persönlich? Wie erlebe ich Freiheit in der Schule oder zu Hause, also in meinem Mikrokosmos? Oder auch: Was habe ich schon über das Thema erfahren. Sodass die Jugendlichen immer erstmal gemeinsam diskutiert haben bevor sie sich dann langsam mit ihren Themen und Räumen beschäftigt haben.

Sind die Diskussionen so abgelaufen, wie ihr das erwartet habt oder gab es Aspekte, mit denen ihr nicht gerechnet hattet?
Wir haben uns natürlich im Vorfeld Gedanken gemacht. Interessant war, dass die Diskussionen trotzdem manchmal in eine ganz andere Richtung liefen. Ich fand das als Prozess sehr belebend.

Wir dachten zum Beispiel, dass Rollenmuster ein interessantes Thema für die Jugendlichen wären.  Wir hatten also die Idee, dass man aus einem Videospiel ausbricht und dann neue Rollen annehmen kann.

Aber da haben sich die Jugendlichen komplett gesperrt. Das war einfach nicht ihr Thema. Das fand ich überraschend. Vielleicht weil sie grade in einem Alter sind, in dem es erstmal wichtig ist, sich zu zuordnen. Die Schüler*innen haben dann vollkommen andere verrückte Geschichten daraus gemacht. Und das Ergebnis war ganz toll.

Wir haben so auch gemerkt: Das ist genau das, was wir wollten. Hätten wir den Jugendlichen die Themen und Geschichten festvorgegeben, hätte das nicht funktioniert. Es musste ihr Ding sein. Das war ja auch die Freiheit des Ganzen.

Die Schüler*innen haben sich also mit Freiheit beschäftigt und Tom Lilge, Schirmherr der Ausstellung und Spieleforscher hat einen Workshop zu Gamedesign gehalten. Habt ihr mit den Jugendlichen auch über Ausstellungskonzepte und die späteren Besucher*innen gesprochen?
Das war Teil der Projekttage. Wir hatten das von vornerein in den Zeitplan mit aufgenommen. Damit die Jugendlichen immer wieder drüber nachdenken: Was heißt das eine Ausstellung zu machen? Für wen ist die Ausstellung? Wie bekomme ich das Thema Freiheit da rein. Sie sollten ja nicht nur komplizierte Codes entwickeln. Die Ausstellung soll alle Besucherinnen und Besucher abholen, die ja mit verschiedenen Bedürfnissen kommen. Das haben wir mit den Jugendlichen diskutiert. Schließlich gilt das ja für jede gute Ausstellung,

Warst du bei den Projekttagen dabei?
Wir waren die ganze Zeit dabei. Das war tatsächlich manchmal sehr anstrengend. Aber es hat auch viel Spaß gemacht. Wir haben die Projekttage und -wochen nicht geleitet, sondern haben begleitet,  mitgeholfen und teilweise schon dokumentiert per Video und Foto.

Wir haben zum Beispiel die Abschlussgespräche angeleitet, jeden Tag mit allen Künstlern diskutiert: Was ist gut gelaufen? Was muss man beachten? Das war ein interessanter Prozess. Ich glaube, hätten wir in der Zeit im Büro gesessen, das hätte nicht funktioniert. Der ganze Prozess war für alle Beteiligten eine interessante Erfahrung.

Wenn du die Räume heute siehst, was denkst du?
Die Escape Rooms und die Ausstellung sind für mich zu einem Ort des Denkens geworden. Spielerischen Denken - durch all die Arbeit, Ideen und Diskussionen, die die Jugendlichen da reingesteckt haben. Nicht zu vergessen, den Spaß.

Gibt es etwas, was du späteren Besuchern mit auf den Weg geben möchtest?
Die Ausstellung soll ein Anstoß sein, sich mit Freiheit auseinanderzusetzen. Wir geben hier nicht alle Antworten. Aber wir geben den Besucher*innen kreative, verrückte und schöne Ideen und vielleicht utopische Entwürfe mit. Damit sie Lust bekommen, sich mit Freiheit zu beschäftigen. Und auch versuchen, das Erlebte im Alltag umzusetzen, zum Beispiel selber Entscheidungen zu treffen, ohne dass andere etwas vorgeben.

Weil Freiheit eben nicht selbstverständlich ist.

Interview mit Schüler*innen der Merian-Schule in Köpenick

Freiheit im Großen und im Kleinen

Lia, in der Mitte Feline und rechts Niclas.

Lia, Feline und Niclas gehen in die 12. Klasse der Merian-Schule in Berlin Köpenick. Gemeinsam mit ca. 150 anderen Berliner Schülerinnen und Schülern haben sie die Ausstellung Escape to Freedom kuratiert. Im Interview sprechen sie darüber, wie sich ihr Verständnis von Freiheit durch das Projekt verändert hat und warum sie jeder Zeit wieder eine Ausstellung kuratieren würden.

Wie kamt ihr zu Escape to Freedom?
Niklas:
Wir haben alle den Wahlkurs Kunst bei uns an der Schule besucht. Unsere Lehrerin hat das Projekt an unserer Schule geleitet. Ja und dann haben wir einfach daran teilgenommen. Ohne vorher irgendwelche Vorkenntnisse zu haben.

Wart ihr denn vorher schon mal in einem Escape Room?
Lia:
Nein, wir waren vorher nicht in einem Escape Room. Zumindest nicht zusammen, vielleicht waren Einzelne alleine dort oder mit Freunden. Wir wussten also gar nicht, was uns erwartet.

Und hattet ihr euch mit dem Thema Freiheit schon beschäftigt?
Feline:
Klar, denkt man manchmal über Freiheit nach. Wir wissen ja, dass manche Menschen diesen Wert nicht haben. Oder ihn gerne haben wollen, aber unterdrückt werden. Aber im Unterricht hatten wir das Thema noch nicht behandelt.

Ihr habt also vorher schon manchmal über Freiheit nachgedacht. Aber jeder für sich, ohne mit anderen darüber zu diskutieren?
Feline, Niklas und Lia:
Genau.

Hat sich denn eure Einstellung zur Freiheit durch die Arbeit an der Ausstellung verändert?
Niklas:
Wir sind da ja ohne Erwartungen hingegangen. Wir dachten, wir bauen den Escape Room. Aber dann haben wir erst mal darüber geredet, was Freiheit überhaupt bedeutet. Und dann sind wir auch tiefgründiger geworden und haben auch darüber geredet, dass es Menschen gibt, die daran gehindert werden, frei zu sein. Dadurch hat man dann auch darüber nachgedacht, dass wir sehr viel Glück haben mit unserem Leben zurzeit. Klar, ist auch das Leben bei uns manchmal scheiße, aber es gibt Menschen, die hat es sehr viel schlimmer getroffen.

Habt ihr denn auch darüber nachgedacht, was Freiheit für euch persönlich bedeutet?
Feline:
Wir haben in der großen Gruppe öfter über Freiheit geredet und auch in den Einzelgruppen immer wieder thematisiert, was Freiheit für uns persönlich bedeutet.
Niklas: Dabei haben wir auch Freiheitsbeschränkungen kennengelernt. Zum Beispiel in Ländern, in denen man, nur weil man seine Meinung sagt - die ja eigentlich jedem zustehen sollte – verurteilt wird. So was kannten wir zum Beispiel noch gar nicht. In Deutschland haben wir ja Meinungsfreiheit.
Lia: Ja, Freiheit sollte bedeuten, dass man eigene Rechte hat, dass man seine eigene Meinung sagen darf, ohne dass man daran gehindert wird.  
Feline: Dass man alle Leute toleriert und jeder das auslebt, was er für gut hält. Solange es jetzt niemand anderen darin beeinflusst, was er machen möchte.

Findet ihr es wichtig, sich mit dem Thema Freiheit zu beschäftigen?
Niklas:
Ich persönlich finde es sehr wichtig, weil es ein Thema ist, das top aktuell ist. 
Lia: Ja, ich möchte gern noch ergänzen: Wir haben in Deutschland Glück, dass wir die Meinungsfreiheit haben. In vielen Ländern besteht diese Meinungsfreiheit nicht. 

Seht ihr denn auch Gefahren für die Freiheit in Deutschland?
Lia:
Nein, davon habe ich bisher nichts mitbekommen.

Ihr habt ja jetzt viel über Meinungsfreiheit gesprochen. Es gibt aber ja auch Freiheit im “Kleinen” - also in der Schule oder in der Familie …
Feline:
Ich finde es schon wichtig, dass jede einzelne Person zum Beispiel an unserer Schule machen kann, was sie möchte, ohne komisch angeguckt zu werden oder zurechtgewiesen zu werden. Ich glaube, das fängt damit an, wie man mit anderen umgeht. Dass man sie nicht einschränkt, in dem, was sie denken.

Für die Ausstellung habt ihr verschiedene Escape Rooms gebaut, die sich mit verschiedenen Aspekten von Freiheit beschäftigen. Wie stehen die Räume, die ihr gebaut habt, mit Freiheit in Verbindung?
Niklas:
In dem Raum, den meine Gruppe und Felines Gruppe entwickelt hat, ging es darum: Kindern sollte ein Bewusstseinschip ins Gehirn implantiert werden. Ohne dass sie vorher gefragt wurden. Auch wenn ihre Eltern angeblich damit einverstanden waren, ist das ja Freiheitsberaubung. Sie sollten so gehorsamer und gefügiger gemacht werden.
Lia: Bei uns ging es um eine Fabrik, in der auch mit schweren Chemikalien experimentiert wurde. Die Aufgabe ist es dann, sich als Fabrikarbeiter zu befreien. Die werden nämlich eingesperrt und dürfen eigentlich nicht, sagen, was dort wirklich vor sich geht.  

Wie seid ihr eigentlich beim Entwickeln der Räume vorgegangen?
Lia:
Wir haben in der Gruppe Ideen gesammelt und sind so zu einem Thema gekommen, was man machen konnte. 
Niklas: Genau, es gab nur einen Einführungstext. Dazu haben wir dann Ideen gesammelt, wie man das umsetzen kann. Und haben darüber gesprochen, was der Text thematisiert.
Lia: Und dann haben wir direkt losgelegt mit unseren Ideen. Wir haben ja auch mit Künstlern zusammengearbeitet. Da waren Bühnenbildner dabei, Theaterpädagogen und Gamedesigner.
Feline: Das war gut. Die waren nämlich total offen und sehr daran interessiert, dass wir Schüler unsere Wünsche realisieren. Also sie waren wirklich darauf bedacht, dass wir unsere Ideen so umsetzen können, wie wir uns das vorstellen.

Was hat euch denn am meisten Spaß gemacht?
Niklas:
Dass man seiner eigenen Kreativität freien Lauf lassen konnte. Wir hatten vorgegebene Materialien, wie Pappe und Holz, Rollen usw. - mit denen wir unsere eigenen Ideen ins Echte umsetzen konnten. Das hat uns wirklich stolz gemacht.
Lia: Ja, dass wir unsere eigenen Ideen einbringen und sie dann auch umsetzen konnten.
Feline: Ich bin auch echt gespannt. Wir werden Anfang September auch die Ausstellung besuchen und selber mitspielen.

Eure eigenen Räume oder die, der anderen Gruppen?
Feline:
Ja genau, alle Räume.

Im Grunde habt ihr ja die Escape Rooms für die späteren Besucher entwickelt. Fandet ihr es schwierig, euch in diese hineinzuversetzen? 
Feline:
Wir haben viel darüber gesprochen, dass die Räume auch für jüngere Kinder sein sollen. Deshalb haben wir dann auch überlegt: Wie können die darüber nachdenken. Wie gehen die daran. Wir haben uns Gedanken darüber gemacht, was Jüngere vielleicht schon wissen und was nicht. Deshalb haben wir zum Beispiel immer mit anderen darüber gesprochen, wie ein Rätsel wirkt. Manchmal mussten wir sie dann noch mal überarbeiten.

Möchtet ihr den späteren Besuchern etwas mit auf den Weg geben?
Niklas:
Auf jeden Fall würde ich sagen, dass jeder Besucher da mit einer Menge Spaß rangehen sollte. So viel Spaß wie wir beim Bauen der Escape Rooms gehabt haben. 
Feline: Genau, auch wenn Freiheit natürlich ein wichtiges Thema ist, würde ich das jedem empfehlen. Und natürlich, dass sie zusammenhalten. Auch wenn man mit Leuten spielt, die man vorher nicht kennt.
Lia: Genau, dass man im Team arbeitet. Alleine wird man es nicht schaffen. 

Was heißt Freiheit für euch:
Niklas:
Freiheit heißt für mich, dass man seinen eigenen Weg geht und sich nicht von seiner eigenen Meinung ablenken lässt.
Lia: Freiheit ist für mich, dass eben nicht nur ich die Freiheit habe, meine Meinung zu äußern und auch in der Schule meine Meinung sagen kann, egal was kommt. Sondern auch, dass alle anderen eine Meinungsfreiheit haben und generell eine Freiheit.
Feline: Dass wir auf einander Rücksicht nehmen und auch zueinanderstehen. 

Würdet ihr wieder bei so einem Projekt mitmachen?
Lia, Niklas und Feline:
Ja auf jeden Fall.
Niklas: Bei so einem Projekt mitzumachen, heißt nicht, dass man einfach nur mal keine Schule hat. Für mich war es eine tolle Abwechselung, nicht nur im Unterricht zu sitzen und zu schreiben. Aber das wirklich wichtige war, seiner Kreativität freien Lauf zu lassen und mit anderen Leuten zusammen zu arbeiten. Das war wirklich perfekt.
Feline: Ja, es ist halt irgendwie Lernen auf einer ganz anderen Ebene, weil wir dadurch auch ganz viel zu dem Thema Freiheit mitbekommen haben. 

Interview mit Tom Lilge, Schirmherr der Ausstellung Escape to Freedom

Spielen als die natürlichste Art zu Lernen

Tom Lilge leitet das gamelab.berlin - eine Forschungs- und Entwicklungsplattform des Interdisziplinären Labors Bild Wissen Gestaltung, Exzellenzcluster der Humboldt Universität zu Berlin - und erforscht dort das Phänomen des Spielens. Im Interview spricht er über Spielen als optimale Lernform und seine Erfahrungen beim Durchspielen eines der Räume der Ausstellung Escape to Freedom.

Sie haben die Schirmherrschaft der Ausstellung Escape to Freedom übernommen. Was hat Sie daran gereizt?
Ich bin – das muss man wahrscheinlich nicht betonen - absoluter Fan von allem, was mit Spielen zu tun hat. Aber nicht nur deshalb, weil es Spaß macht, sondern auch weil Spiele eigentlich etwas sehr, sehr Ernstes sind. Also Spiel und Ernst stehen in keinem Gegensatz.

Wenn wir das in Bezug auf Bildung betrachten, sehen wir: Kinder im frühen Schulalter, auch im Vorschulbereich, lernen ganz selbstverständlich spielerisch. Das ist unser natürlichster Weg zu lernen. Wir sehen dann aber auch, wie die Schule schon nach wenigen Jahren eigentlich fast alles spielerische, den damit entstehenden Spaß, das Engagement, die Fähigkeit sich faszinieren zu lassen und mit anderen zusammenzuarbeiten immer mehr reduziert.

Ich habe ein bisschen ausgeholt, aber jetzt komme ich zu den Escape Rooms: Was da gemacht wird, ist aus meiner Perspektive, gerade zu ideal. Alle Kinder, die daran teilnehmen sind Spieler. Also alle haben Spielerfahrung. Wirklich interessant wird es dann, wenn man den Kindern erklärt, warum sie so gerne spielen.

Das heißt, man muss sie eigentlich selber zu Gamedesignern ausbilden, damit ganz automatisch die höchste Form von Medienkompetenz in diesem Bereich erreicht werden kann. So können sie dann nämlich selber reflektieren und analysieren, warum sie von bestimmten Spielen so fasziniert sind.

Genau das passiert bei dem Erstellen der Escape Rooms. Die Schülerinnen und Schüler werden unterrichtet - handwerklich, praktisch und theoretisch: Warum sind Rätsel spannend? Das heißt sie werden zu Gamedesignern. Sie werden zu Kreativen, zu Gestaltern eines Escape Rooms und lernen darüber ganz viel über sich selbst und über Spiele – also über eine Kulturtechnik, die sie am meisten ausüben in ihrer Freizeit. Und das ist eine schöne Rückkehr zu der Lernebene, bei der die Menschen am besten lernen, dem Spielen.

Das eigentliche Thema war für die Jugendlichen ja das Thema Freiheit nicht die Escape Rooms. Sie denken also, dass sie sich durch die Ausstellung auch damit anders auseinandergesetzt haben?
Absolut. Wollen wir mal ein Radikalbeispiel nehmen: Stellen Sie sich vor, dieselbe Zeit, die die Kinder jetzt mit dem Erstellen von Escape Rooms verbracht haben, hätte es als Frontalunterricht gegeben. Die Kinder hätten sich gelangweilt, sie wären eingeschlafen. Hätten keine Lust gehabt, dahinzugehen. Sie hätten nach einer Doppelstunde alles wieder vergessen. Die hätten sich nie mehr im Leben für den Aspekt Freiheit interessiert. Ich überspitze das jetzt natürlich absichtlich.

Bei dem Erstellen der Escape Rooms haben die Kinder etwas geschaffen, zu dem sie stehen. Sie haben sozusagen ein träges Wissen über Freiheit operativ in eine kreative Leistung eingebracht und dann auch noch in ein Spielszenario. Also besser geht es nicht. Für mich zeigt das paradigmatisch, wie Unterricht laufen müsste. Das ist auch nicht meine Erfindung, sondern wird tatsächlich zunehmend erkannt. Mein Lieblingsbeispiel ist immer die Schule Quest to Learn vom Institut for Play in New York, wo das schon erfolgreich gemacht wird. Und mittlerweile viele Talente aus dieser Schule herausgekommen sind, die nur mit den Prinzipien des Gamedesigns unterrichtet worden sind. Die Kinder dort spielen oder entwerfen Spiele.

Zurück zu Escape to Freedom: Wie haben Sie die Arbeit mit den Jugendlichen wahrgenommen?
Ich will ihnen mal von einem Erlebnis berichten, das für mich unangenehm war, für die Schüler und Schülerinnen aber, glaub ich, sehr unterhaltsam. Ich hatte mit meinem Assistenten Meik Ramey das Vergnügen, einen der Escape Rooms durchzuspielen. Mit der besonderen Situation, dass uns die ca. 30 Schülerinnen und Schüler zugeschaut haben, die ihn gebaut haben. Bei mir hat das eine fatale Kettenreaktion ausgelöst, weil ich durchaus Prüfungsangst kenne.

Wir haben uns, glaub ich, lausig angestellt. Das hat den Kindern auf der einen Seite sehr viel Spaß gemacht. Auf der anderen Seite wollten sie uns aber auch immer Tipps geben. Was übrigens auch eine wichtige Gamemechanik ist: Die Lust des Menschen, den anderen zu helfen. Die Jugendlichen waren hochaktiv. Sie haben immer wieder Dinge entdeckt, die noch nicht perfekt waren und die sie noch verbessern wollten. Das war eine Gruppe von Kindern, wie sie sich jeder Lehrer wünscht.

Haben Sie sich durch das Spielen des Raumes noch mal mit dem Thema Freiheit auseinandergesetzt?
Ja, in dem Raum, den wir durchgespielt haben, ging es um einen Reaktor. Es war eine aktuelle jugendweltliche Situation. Ich habe den Kids gesagt, dass dieses Narrativ bei mir besonders gut funktioniert hat. Weil ich tatsächlich zu Zeiten von Tschernobyl aufgewachsen bin.

Ich hatte also einen ganz klaren historischen Bezug zu diesem Narrativ. Das war die eine Ebene, durch die ich mich mit dem Escape Room verbinden konnte.

Die andere war natürlich, dass es geradezu genial ist, das Thema Freiheit zu nehmen und einen Escape Room zu bauen. Weil es natürlich ums Ausbrechen geht. So hatte man verschiedene Ebenen einer möglichen Verbindung. Man konnte auch spielerisch tatsächlich dieses Szenario spüren: “Ja toll, ich bin jetzt einfach nicht frei. Vielleicht kann ich aber mit meinem Intellekt, der Kommunikation und dem Intellekt der anderen ausbrechen.” Besser geht’s gar nicht – das Thema Freiheit zu thematisieren, indem man den Weg aus der Unfreiheit erlebbar macht.

Was bedeutet für Sie Freiheit?
Ich würde da gerne historisch ausholen, es gibt von Immanuel Kant den Ausspruch: Habe den Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen. Das richtet sich als Aufforderung an den mündigen Weltbürger, den Kant vor Augen hatte. Der sich an einige - für eine aufgeklärte Bürgerschaft - wichtige Grundregeln halten wird, weil er sie selber als richtig einsieht, nicht weil er dazu gezwungen wird. Dazu gehört zum Beispiel auch der kategorische Imperativ – man behandelt andere nur so, wie man möchte, dass die anderen einen auch behandeln.

Das klingt einfach, ist aber in einer Gesellschaft wie der heutigen tatsächlich eine Herausforderung. Weil es ganz unterschiedliche Perspektiven gibt, die auch so ungefiltert wie nie zuvor aufeinanderprallen.

Jetzt kommen wir zu dem Thema Freiheit. Ich würde den Ausspruch auf unsere heutige Zeit importieren und sagen: Habe den Mut, dich deiner eigenen Daten zu bedienen. Die Freiheit ist heute von solchen Dummheiten wie neuaufkeimenden Populismus und Nationalismus bedroht, aber vor allem eben auch auf der Datenebene – dass wir nicht mehr Herr unserer eigenen Daten sind. Das wäre mein Freiheitsbegriff. Dass wir uns dessen bewusst werden müssen und den Mut haben, uns unserer eigenen Daten zu bedienen und auch den Mut haben, sie uns zurückzuerobern.